„Interdisziplinarität“ ist zu einem der zentralen Begriffe gegenwärtiger akademischer Bestrebungen geworden: ich habe bereits hier ein wenig über den Zusammenhang von Philosophie und Interdisziplinarität bzw. die Notwendigkeit interdisziplinärer Vernetzungen für die Philosophie geschrieben. Nachdem diese Ausführungen zwangsweise sehr kurz gehalten wurden, möchte ich heute auf einen neuen Sammelband hinweisen, der sich eingehend mit dem Begriff der Interdisziplinarität beschäftigt und damit auch einen unmittelbaren Beitrag leistet, das Wesen und die Aufgaben der Philosophie im 21. Jahrhundert darzustellen.
Die Herausgeber Michael Jungert, Elsa Romfeld, Thomas Sukopp und Uwe Voigt versuchen (und – das kann ich vorwegnehmen – schaffen es auch bzw. legen die notwendigen Grundlagen für eine spätere abschließende Behandlung), der oft fehlenden Präzision bzw. Systematik in der mitunter inflationären Verwendung des Interdisziplinaritätsbegriffs Rechnung zu tragen und (siehe Klappentext) „prinzipielle Fragen und konkrete Probleme der interdisziplinären Arbeit zu klären“. Zweck und Wesen der Interdisziplinarität zu analysieren und darzulegen ist in den Augen der Herausgeber – und hier schließe ich mich in vollem Umfang an – eine wichtige Aufgabe der Philosophie (und hier insbesondere der Wissenschaftstheorie). Dem eigenen Anspruch nach liegt – an dieser Stelle sieht man, dass ein durchaus realistisches und keineswegs utopisches Ziel verfolgt wurde – mit dem Band noch „nicht die zunehmend als längt überfällig geforderte wissenschaftstheoretische Monographie zur Interdisziplinarität vor“, sondern eine Sammlung von grundlegenden Überlegungen, hinter die man im Sinne eines gewünschten Fortschritt in Zukunft nicht mehr zurückfallen sollte. Formal zeichnet sich der Sammelband selbst durch eine klare, dreigliedrige Aufteilung aus: den Einstieg bilden philosophisch-wissenschaftstheoretische Vorklärungen (4 Aufsätze), gefolgt von einem Blick auf die Praxis (5 Aufsätze), dem sich als Abschluss Überlegungen zu Problemen der Interdisziplinarität (3 Aufsätze) anschließen. Für ihr anspruchsvolles Projekt konnten die Herausgeber neben Klaus Mainzer für das Geleitwort mehrere Autoren gewinnen, darunter weitere philosophische Schwergewichte wie z.B. Ian Hacking, Bernulf Kanitscheider, Hilary Kornblith und Gerhard Vollmer.
Bereits im Geleitwort von Klaus Mainzer wird deutlich, weswegen Interdisziplinarität (insbesondere für ein auf Innovationsdynamik angewiesenes Land wie Deutschland) zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben so wichtig ist: Innovationen hängen oftmals maßgeblich von transdiszipliner Forschung ab und etliche der gegenwärtigen Probleme lassen sich nicht mehr in die überholten traditionellen Fach- und Fakultätsgrenzen pressen – unmittelbar problemorientierte Forschung ist jedoch angesichts der Veränderungen in der Welt und einer damit einhergehenden notwendigen Anpassung wichtiger denn je. Beispiele für interdisziplinäre Forschungen sind u.a. in den Neurowissenschaften, der Robotik, der Umweltforschung oder der Risiko- und Komplexitätsforschung zu finden. In diesem wünschenswerten und bereits an vielen Stellen begonnenen Prozess kommt dabei der Philosophie als Ort der Begegnung der einzelnen Wissenschaften und als mahnende, leitende und kontrollierende Instanz eine zentrale Rolle zu. Dieses Plädoyer für ein modernes Verständnis von Philosophie, das jedoch auch deutliche Anleihen an ihrer eigenen Entstehungsgeschichte und – mit einem gewissen Universalitätsanspruch – ihrer ursprünglichen Intention hat, sowie der Appell zu mehr interdisziplinärer Zusammenarbeit unter großer Berücksichtigung der möglichen Hilfestellung der Philosophie decken sich mit meinen Ausführungen zum Ursprung und zur Aufgabe der Philosophie – was, wenn man meine philosophische Herkunft betrachtet, nicht ganz verwunderlich ist ;-)
Eine umfangreiche inhaltliche Wiedergabe der Beiträge würde den Rahmen des Blogs eindeutig sprengen. Deswegen möchte ich mich im Folgenden größtenteils darauf beschränken, in groben Zügen die Gegenstände der jeweiligen Beschäftigung der Autoren aufzuzeigen. Dies dürfte für den Leser (des Blogs) insbesondere deswegen wichtig sein, weil so zum einen – wie ich hoffe – die Lust geweckt wird, sich eigenständig mit der Thematik zu befassen, und zum enderen auf diese Weise ein Überblick geliefert werden kann, welch breites Feld abgearbeitet werden muss, wenn man sich der Interdisziplinarität nähern möchte. Im Übrigen werde ich mich v.a. auf den Grundlagenteil, also den ersten Teil („Theorie der Interdisziplinarität“) des Buches konzentrieren – nicht, weil der Rest es nicht wert wäre, dass darüber ein wenig ausführlicher berichtet wird, aber ich kann hier ja keine 30 Din-A-4-Seiten schreiben…
Die philosophisch-wissenschaftstheoretischen Vorklärungen werden mit einem Beitrag von Michael Jungert eingeleitet: „Was zwischen wem und warum eigentlich? Grundsätzliche Fragen der Interdisziplinarität“. Jungert weist auf eine enorme „Diskrepanz zwischen Verwendungshäufigkeit und theoretischer Reflexion“ (S. 1) bzgl. des Interdisziplinaritätsbegriffs hin und bemängelt ebenfalls eine viel zu starke Zurückhaltung der bisherigen Wissenschaftstheorie hinsichtlich einer eingehenden Beschäftigung mit dem Phänomen der Interdisziplinarität. Das eigentliche Anliegen Jungerts ist die Skizzierung „einige[r] Bedeutungsfacetten und grundsätzliche[r] Problemdimensionen des Interdisziplinaritätsbegriffs“ (S. 1). Der erste Schritt dieses Unternehmens ist die Darstellung und Analyse verschiedener (und häufig uneinheitlich gebrauchter) Begriffe, die eng mit dem der Interdisziplinarität zusammenhängen und oftmals synonym dazu verwendet werden: Multi-, Pluri-, Cross und Transdisziplinarität. Zusätzlich werden bezugnehmend auf Heinz Heckhausen allein sechs unterschiedliche Erscheinungsformen der Interdisziplinarität selbst angeführt: Unterschiedslose Interdisziplinarität, Pseudo-Interdisziplinarität, Hilfsinterdisziplinarität, Zusammengesetze Interdisziplinarität, Ergänzende Interdisziplinarität und Vereinigte Interdisziplinarität. Spätestens auf Seite Sieben ist nun jedem Leser klar, weswegen ein solcher Band dringend notwendig war… Aber in welchem Zusammenhang kann im Falle der Interdisziplinarität von einer „Inter“-Relation gesprochen werden bzw. auf welchen Ebenen finden die entsprechenden disziplinübergreifenden Kooperationen statt? Hier werden fünf Möglichkeiten untersucht, die da wären: Gegenstände, Methoden, Probleme, theoretisches Integrationsniveau und Personen/Institutionen. In dem Eingangsaufsatz des Sammelbandes wird der Vollständigkeit halber ebenfalls noch kurz auf die (wissenschaftsexternen und wissenschaftsinternen) Motive und Gründe von Interdisziplinarität eingegangen – eine eingehendere Behandlung (deswegen die Kürze) mit dieser Thematik findet im Band jedoch an späterer Stelle statt.
Thomas Sukopp widmet sich im zweiten Aufsatz des Bandes der Thematik „Interdisziplinarität und Transdisziplinarität. Definitionen und Konzepte“. Hierbei kommt es ihm vor allem auf das Erreichen von terminologischer Klarheit an, weswegen er sich insbesondere mit Begriffserklärungen von „Interdisziplinarität“ und „Transdisziplinarität“ beschäftigt und damit einhergehend entsprechende (nicht vorhandene) Kooperationsformen untersucht. Zu Beginn seiner Ausführungen legt Sukopp dar, wie Interdisziplinarität zwar oft gefordert, aber trotz des (oftmals anzutreffenden) grundsätzlichen Wunsches der Beteiligten selten tatsächlich betrieben wird. Als Gründe für dieses auf den ersten Blick ambivalente Verhalten der verschiedenen Wissenschaftler werden Schwierigkeiten in der konkreten Zusammenarbeit angeführt, wie z.B. disziplinspezifische Methoden, eigene Sprachen, „disziplinäre Weltbilder bzw. Paradigmen, die als unhintergehbar gelten bzw. nicht angetastet werden“ (S. 15) oder etwa unüberbrückbare Differenzen hinsichtlich des eigenen Charakters bereits in einer einzelnen Disziplin für sich (dass diese Differenzen und damit Schwierigkeiten nicht weniger werden, wenn mehrere solcher Disziplinen miteinander arbeiten sollen, kann man sich leicht vorstellen). Aus den Schwierigkeiten einer konkreten interdisziplinären Zusammenarbeit ergeben sich nun zwingend Grenzen der Möglichkeit der Interdisziplinarität. Im weiteren Verlauf zeigt Sukopp auf, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in vielen Fällen (z.B. aus heuristischen oder methodologischen Gründen) überhaupt nicht notwendig und damit wünschenswert ist. Dies geschieht – das kann man sich bei der Intention des Bandes denken – jedoch keineswegs in einer grundsätzlich ablehnenden Haltung der Interdisziplinarität gegenüber, sondern in einer wohl überlegten Darstellung bzgl. der (im weiteren Sinne) epistemischen Notwendigkeit und real praktikablen Möglichkeit der Interdisziplinarität. Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes geht Sukopp konkret auf die Bedeutung und die unterschiedlichen Definitionen bzw. Verwendungen von Inter- und Transdisziplinarität ein. In diesem Zusammenhang mokiert er sich bei der Klärung dessen, was Inter- und Transdisziplinarität nicht ist, völlig zu Recht über mit Hilfe von Fragebögen gewonnene Ausführungen, die beispielsweise von Transdisziplinarität als „Dilettantismus in Bereichen, die man nicht beherrscht“ oder als ausschließlich von Personen aufgestellte Forderung, „die nicht selbst wissenschaftlich arbeiten“ (S. 18), sprechen. Zu den eingangs erwähnten objektiven Schwierigkeiten bzgl. einer interdisziplinären Zusammenarbeit kommen also offensichtlich an vielen Stellen auch völliges Unverständnis und Scheuklappendenken dazu. Sukopp geht einen vernünftigen Weg, wenn er einer Reihe von fragwürdigen und teilweise beschämenden, und damit die fruchtbare Zusammenarbeit weiter behindernden, Definitionsversuchen den Wunsch nach einer klaren Definition bzw. Explikation gegenüberstellt – umso besser, dass er diesem Wunsch gleich selbst nachkommt. Um überhaupt den Interdisziplinaritätsbegriff vernünftig fassen zu können, widmet sich Sukopp zunächst einer differenzierten Darstellung der Begriffe „Fächer“, „Disziplinen“ (man beachte hier den Unterschied!) und „Disziplinarität“. Auf diesem nun gelegten Fundament aufbauend werden schließlich verschiedene Formen der Inter- und Transdisziplinarität (bezogen z.B. auf Methode oder Theorie) sowie deren Voraussetzungen geklärt. An dieser Stelle werden auch einige der zuvor erwähnten Schwierigkeiten, die einer interdisziplinären Zusammenarbeit möglicherweise im Weg stehen können, relativiert (z.B. hinsichtlich der Forschung an den Grenzen einer Disziplin).
Uwe Voigt beschäftigt sich mit „Interdisziplinarität: ein Modell der Modelle“. Voigt beklagt in seinem Beitrag als erstes, dass eine eingehende Beschäftigung mit dem Thema „Interdisziplinarität“ bis jetzt (z.B. von Seiten der Wissenschaftstheorie) viel zu selten stattgefunden hat – und liefert sogleich eine detaillierte mögliche Erklärung, welche die Ursachen hierfür in einer unzureichenden Reflexion bzgl. modellhafter Darstellungen der Beziehungen zwischen wissenschaftlichen Disziplinen sieht. So müssen diese „Modelle erst einmal als solche erkannt“ werden, um „sie zu analysieren und auf dieser Grundlage nach ihrer jeweiligen Brauchbarkeit [zu] fragen“ (S. 32). Im nächsten Schritt geht Voigt der Frage nach, was konkret wissenschaftliche Disziplinen sind und wie diese sich aufeinander beziehen können. Nach der grundsätzlichen Klärung, ob es überhaupt wissenschaftliche Disziplinen gibt, stellt sich – bei einer Bejahung – die Frage nach der Anzahl (vgl. z.B. den Wiener Kreis und die „unity of science“). Von Konzepten einer Einheitswissenschaft ausgehend werden plurale und pluralistische Modelle behandelt, mit Hilfe derer sich als unberechtigt empfundene „reduktive oder eliminative Ansprüche seitens einer vermeintlichen Einheitswissenschaft zurückweisen lassen“ – um den Preis der Aufgabe der Einheit des Wissenschaftsbegriffs. Gerade vor dem Hintergrund der gewünschten Interdisziplinarität ergeben sich dann möglicherweise Probleme, was in pluralistischen Modellen auf Grund der gegenseitigen Beziehungslosigkeit die gegenseitig Akzeptanz als „Wissenschaft“ anbelangt – man denke z.B. an die im englischen Sprachraum übliche Unterscheidung von „sciences“ und „humanities“. Aus den pluralistischen Modellen könn(t)en wieder monistische erwachsen. Ein weiteres Problem pluralistischer Modelle ist die Tatsache, dass de facto eine wechselseitige Abgrenzung weder immer gegeben, noch mitunter sinnvoll oder gar möglich ist (vgl. z.B. Kuhn). Mit dem Konzept von „Kontaktmodellen“ wird nun dem Umstand der gegenseitigen Beziehung zwischen Wissenschaften Rechnung getragen. Die Kontakte können sich nun auf einen gemeinsamen Gegenstandsbereich oder auf eine gemeinsame Methode beziehen. Erfolgversprechend scheint bzw. schien hier insbesondere ein nicht-hierarchisches Methoden-Kontakt-Modell, „wonach die Beziehungen zwischen den Disziplinen nicht von einer einzigen Methode gestaltet werden, sondern darauf beruhen, dass die einzelnen Disziplinen spezifische Ausprägungen einer Methode verwenden und gerade dadurch auf wechselseitige Ergänzung angewiesen wie auch zu ihr befähigt sind“ (S. 41f.; man beachte z.B. die Rolle der Systemtheorie in Ökonomie, Spieltheorie, Soziologie, Primatenforschung etc. und die Zusammenarbeit dieser Disziplinen bei dem Bemühen, sozial intelligente Roboter herzustellen). Trotz dieser vermeintlich eindeutigen Durchschlagskraft von Methoden-Kontakt-Modellen muss im Sinne Feyerabends vor einer Überbewertung des Stellenwerts der Methode für Wissenschaften gewarnt werden: der Wechsel bzw. die Modifikation der Methode mit dem Ziel des Erkenntnisgewinns ist ein wesentlicher Grundzug wissenschaftlichen Arbeitens. Was nun? Voigt plädiert – nach der Absage an Gegenstands-Kontakt-Modelle und Methoden-Kontakt-Modelle – für ein Kooperations-Kontakt-Modell, das zwar den Einfluss von Gegenstand und Methode auf das wissenschaftliche Arbeiten berücksichtigt, aber noch darüber hinausgeht, denn „[j]enseits dieser Momente bleibt noch das wissenschaftliche Arbeiten als solches, das sich in interdisziplinären Beziehungen jeweils konkret als Kooperation vollzieht“ (S. 42). Aus den Versuchen der Wissenschaften, Wissen zu gewinnen, ergibt sich die Bestimmung gegenseitiger Ergänzung. So stellt interdisziplinäre Kooperation die wechselseitige Anerkennung als wissenschaftliche Disziplin dar und wird zum konstitutiven Faktor von Wissenschaft überhaupt.
Gerhard Vollmer geht der Frage „Interdisziplinarität – unerlässlich, aber leider unmöglich?“ nach. Vollmer beginnt mit einem mir sehr sympathischen Thema, indem er auf die Komplexität der Welt und (fast aller) ihrer Teilsysteme verweist – und aus dieser Komplexität der Welt leitet er (nachvollziehbarerweise) die Notwendigkeit der Interdisziplinarität ab. In Bezug auf die Interdisziplinarität zwischen mehreren Wissenschaften wird gezeigt, dass oft die einzelnen Wissenschaften nicht unterschiedliche Teile, sondern verschiedene Eigenschaften einheitlicher Systeme bearbeiten. Zudem gibt es etliche Grenzfälle, bei denen eindeutige Zuordnungen nicht möglich sind und die aus diesem Grund einer interdisziplinären Herangehensweise bedürfen. Vollmer beschreibt anschließend den Zusammenhang zwischen der evolutiven Zunahme von Komplexität realer Systeme und den sie beschreibenden Wissenschaften. Mit einer immer stärker ausgeprägten Verfeinerung des Spektrums der Disziplinen entstehen aus benachbarten Disziplinen nun mehr und mehr Brückendisziplinen wie z.B. Biophysik, Neurolinguistik oder Wirtschaftsgeografie. Hinsichtlich gelungener Interdisziplinarität werden Musterbeispiele präsentiert – sowohl, was einzelne Personen als auch Interdisziplinarität zwischen mehreren Personen anbelangt. Schwierigkeiten, die der Interdisziplinarität im Wege stehen können, teilt Vollmer in vier Gruppen auf: Interdisziplinarität erfordert viel Wissen, Interdisziplinarität erfordert Vereinfachungen (die aber zu Verfälschungen führen), Interdisziplinarität führt zu Verständnisschwierigkeiten und zu Missverständnissen und Interdisziplinarität leidet unter Selbstüberschätzung einer oder mehrerer Parteien (man schaue sich nur einmal das Schwanitz-Buch „Bildung – alles, was man wissen muss“ näher an). Vollmer zeigt in seinem Aufsatz v.a. zweierlei: dass Interdisziplinarität notwendig ist – aber auch, dass sie schwierig ist und mit viel Anstrengung betrieben werden muss.
Bei den restlichen Aufsätzen beschränke ich mich, wie bereits gesagt, auf die Nennung von Autor und Thema: man sieht schon hieran deutlich, welch ausführliche Behandlung die Interdisziplinarität erfahren hat – und was es alles zu beachten gilt, wenn man sich diesem Komplex möglichst umfassend nähern möchte. Im Bereich „Praxis der Interdisziplinarität“ finden sich 5 Aufsätze. Ulrich Frey schreibt über „Im Prinzip geht alles, ohne Empirie geht nichts – Interdisziplinarität in der Wissenschaftstheorie“. Hilary Kornblith befasst sich mit „Erkenntnistheorie und Kognitive Ethologie“ und Berthold Schweizer mit „Vom Fehler im Gegenstand zur Theorie über den Gegenstand: Wissenschaftstheorie und interdisziplinäres Arbeiten“. Bernulf Kanitscheiders Aufsatz ist in meinen Augen in doppelter Weise interessant: „Epikur als Wegbereiter einer interdisziplinären Ethik“ ist zum einen ob seines Inhalts lesenswert, zum anderen sehe ich persönlich Kanitscheider immer als eine Art „Epikur der Gegenwart“ bzw. Epikur als einen „Kanitscheider der Antike“ (gerade, was Naturphilosophie und Ethik anbelangt)… Elsa Romfeld klärt „Über die Rolle des Moralphilosophen in interdisziplinären Beratungsgremien“ auf. Im abschließenden Teil des Sammelbandes „Probleme der interdisziplinären Zusammenarbeit“ geht Winfried Löffler der Frage „Vom Schlechten des Guten: Gibt es schlechte Interdisziplinarität?“ nach. Thomas Potthast untersucht „Epistemisch-moralische Hybride und das Problem interdisziplinärer Urteilsbildung. Den Schluss bildet Ian Hackings „Verteidigung der Disziplin“.
Wie lautet nun das Fazit bzgl. des gut 200 Seiten umfassenden Buchs? Obschon ich mich immer wieder (durchaus ausführlich) mit Interdisziplinarität auseinandergesetzt habe, stellt dieses Buch auch für mich persönlich einen unheimlichen Mehrwert dar. Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle, darunter vor allem: durchgängig kompetente (und gut darstellende) Autoren, die alle selbst aus persönlicher Erfahrung interdisziplinäres Arbeiten kennen, eine beeindruckende Tiefe in den Aufsätzen trotz der gerade einmal 12 bis 20 Seiten pro Artikel und eine enorme Breite, in der das Thema Interdisziplinarität aus verschiedenen Blickwinkeln angegangen wird. Eines ist gewiss: zukünftige wissenschaftstheoretische Grundlagenarbeiten zur Interdisziplinarität können die hier präsentierten Ergebnisse definitiv nicht einfach übergehen.
